Der Titel meines letzten Artikels erinnerte mich vorhin an den Satz „Und du sollst nicht töten, hat einer gesagt“, welchen ich aus einem Gedicht Kurt Tucholskys kenne. Dieses Gedicht habe ich vor einigen Jahren einmal in Deutsch vorgetragen. Ich fand es inhaltlich sehr interessant, obwohl ich ansonsten mit pazifistischer Literatur nicht so viel am Hut habe, und finde, dass man es vor allem ausgezeichnet betonen kann. Man kann sehr schön die Stimme heben und senken, die Sprechgeschwindigkeit variieren, Vokale dehnen, melancholisch sprechen und einiges mehr. Thema ist der 1. Weltkrieg mit Blick auf den normalen deutschen Soldaten und die Zukunft nach dem Kriege.
Der Berliner Kurt Tucholsky, Journalist und Schriftsteller, schrieb nach dem 1. Weltkrieg und dem Vertrag von Versailles im Juni 1919 folgendes Gedicht mit dem Titel
„Krieg dem Kriege“
Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit!
Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr…
Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Haus die dicken Bäuche.
Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
“Krieg! Krieg!
Großer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!“
Und es starben die andern, die andern, die andern…
Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot –
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?
Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden!
Blut und zermalmte Knochen und Dreck…
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen das alles? Pro patria?
Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt.
Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren.
Das wäre kein Friede.
Das wäre Wahn.
Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts,
und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.
Tucholsky, der 1890 geboren wurde, hatte bereits 1930 seinen Wohnsitz nach Schweden verlegt. 1933 wurde er ausgebürgert. Er starb 1935 in Schweden an einer Überdosis Schlaftabletten, welche mehrheitlich als Selbsttötung Tucholskys betrachtet wird.
Sehr interessant ist seine Prophezeiung
„Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren.“
welche leider in Erfüllung ging.
Verfasst von Predatory fish